(Bückeburg) Es ist wie ein kleines Déjà-vu – in Bückeburg wird erneut über Bäume gestritten.
Dabei ist der Grund eigentlich ein guter: Die Stadt möchte im zweiten Bauabschnitte die Baumquartiere sanieren. Fördermittel gibt es auch – doch über die Art und Weise der Umgestaltung scheiden sich mal wieder die Geister.
Es ist rund drei Jahre her, da wurde sich schon mal über die Bäume gestritten. Die Stadtlinden sind gestresst – zu wenig Platz für ihre Wurzeln, zu wenig Wasser und Sauerstoff. Vergrößerte Baumscheiben sollen Abhilfe schaffen – über deren Gestaltung scheiden sich jedoch die Geister. Im ersten Bauabschnitt wurden die Baumquartiere deutlich vergrößert, das Wurzelwerk vorher aufgebessert und durchlüftet und anschließend mit einer hübschen Unterpflanzung und einer schmucken Sandstein-Einfassung versehen. So sehr damals drüber diskutiert wurde, so sehr wurden die Quartiere inzwischen angenommen. Den Bäumen geht’s besser, die Sandsteineinfassungen werden gerne als Sitzgelegenheiten genutzt und haben sichtbar die Aufenthaltsqualität in der Innenstadt erhöht.

Baumfreiheit vs. Beinfreiheit
Beim zweiten Bauabschnitt gibt es aber einige Fallstricke, die diese Sanierung so knifflig machen. Die betreffenden Bäume stehen vor den Häuser der Langen Straße 57 bis 61 – darunter sind gastronomische Betriebe und Einzelhändler. Ein Baum steht inmitten der dortigen Eisdielen-Gastronomie – jede Planung betrifft also auch direkt das Geschäft der Eisdiele, die seit 1977 in Bückeburg beheimatet ist. Die gleiche Sanierungsart wie beim ersten Bauabschnitt käme dem Ende der dortigen Außengastronomie gleich, also muss eine andere Lösung her. Die Stadt und das Planungsbüro „o.9“ haben daher gleich fünf Varianten vorbereitet, um zu einer passenden Lösung zu kommen. So weit, so gut – jedoch hat jede Variante ihre eigenen Vor- und Nachteile. Die Sondersitzung des Klimaausschusses sollte nun der Lösungsfindung dienen – jedoch nicht ohne eine hitzige Debatte.
Mehrere Varianten, aber keine passt
Die Bäume sollen mehr Platz zum Atmen bekommen, am einfachsten wäre das über eine wassergebundene Wegedecke zu realisieren, erklärt Planer Thomas Köhler. Diese lässt, im Gegensatz zu Pflaster, mehr Wasser durch, ist flexibler und lässt Sauerstoff besser zirkulieren. Jedoch neigen diese Flächen bei viel Trockenheit zu einer hohen Staubbildung – für Gastronomen eine Katastrophe, denn Möbel würden verschmutzt, Kunden könnten den Dreck in die Räumlichkeiten tragen und Speisen als auch Kleidung könnten beschmutzt werden. Alles in allem nicht optimal, zumal die wassergebundene Decke bei sehr großer Trockenheit auch gewässert werden müsste.

Eine Pflasterung wäre ansehnlicher, würde weniger Dreck verursachen, aber wäre der Baumgesundheit nicht besonders zuträglich. Zudem könnte die Variante „Pflaster“ nicht barrierefrei erfolgen – durch das Gefälle und die Wurzelhöhe käme die Baumaßnahme nicht um eine Stufe zur Langen Straße hin drumrum – ein No-Go für die Barrierefreiheit. Eine Unterpflanzung hingegen mit Beeten, wie beim ersten Abschnitt, würde der Gastronomie pro Baum rund 24 Quadratmeter rauben und somit einen enormen Umsatzverlust bedeuten – „dann können wir die Terrasse auch gleich dichtmachen“, ärgert sich Marco Giombetti vom Eiscafé Adria. Im späteren Gespräch machen er und Thomas Guiducci deutlich, dass dies im Worst Case durchaus in Erwägung gezogen würde. „Eis kann man auch in anderen Städten verkaufen. Aber wir lieben Bückeburg und sind gerne hier“, sagen beide unisono.
Hitziges Wortgefecht
Die Kompromisssuche gestaltete sich jedoch schwierig – zu wenig waren einzelne Ausschussmitglieder bereit, von ihren Positionen und Forderungen abzurücken. Es entwickelte sich eine hitzige Diskussion: Die einen wollen möglichst viel „Baumfreiheit“ und meinen, dass die Gastronomen „ja eh viel zu viel Geld mit ihrem Eis verdienen“ (Cornelia Laasch, Grüne); die anderen wollen die Bedürfnisse der Gastronomen miteinbeziehen – „Gehen Sie etwa jeden Tag dann dorthin, um zu putzen? Wer soll das wässern und wer macht das – Sie?“ (Andreas Schöniger, Freie Wähler, zu Planer Köhler), die nächsten lehnen schlichtweg die wassergebundene Wegedecke ab und bevorzugen schmuckes Pflaster – „auch durch dicke Fugen kann Wasser einsickern“ (Einwohner).

Ein Kompromiss muss her
„Es gibt nicht die eine Lösung, die alle zufrieden stellen wird. Also müssen wir den bestmöglichen Kompromiss anstreben, der der Innenstadt gerecht wird und den Gastrobetrieb nicht behindert“, fasst es der Bürgermeister Axel Wohlgemuth passend zusammen.
Diese fand sich in der Mitte zwischen Variante zwei und drei: Die betreffenden Bäume bekommen eine größere Baumscheibe und die wassergebundene Decke – aber nicht über die gesamte Fläche und auch nicht die ursprünglichen vier mal vier Meter. So soll das strittige Material lediglich um den Baum, „so klein wie möglich, so groß wie nötig“ ausgebracht werden – eben je nach dem, wie weit das Wurzelwachstum ausgeprägt ist. Wie groß die betreffende Fläche schlussendlich sein wird, kann erst im Rahmen des Bauprozesses entschieden werden. „Es kann sein, dass dann das eine oder andere Stuhlbein auf der Fläche steht, aber die Folgen sollten hier überschaubar sein“, ist sich auch Köhler sicher.
Bau(m)maßnahmen kosten über 620.000 Euro
620.000 Euro waren in etwa für die Maßnahme veranschlagt, mit 30.000 bis 42.000 Euro Mehrkosten müsse gerechnet werden – je nachdem eben, wie groß die Fläche wird und welche Maßnahmen noch zusätzlich notwendig sind, um die Wurzeln unter diesen Bedingungen zu schützen. Drumherum soll dann wieder mit Naturstein gepflastert werden und eine Einfassung erfolgen. Nun soll zeitnah die Ausschreibung erfolgen, damit bereits im Winter mit der Maßnahme gestartet werden kann – „damit alles fertig ist, wenn im Frühjahr wieder die Eissaison beginnt“, wie Bauamtsleiter Björn Sassenberg erläutert.
(Text: nh, Fotos: nh, vu)

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