Reform der Notfallversorgung: „Nichts ist geregelt“
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(Bückeburg/Landkreis) Wie steht es um die ärztliche Versorgung in Schaumburg? Viele Menschen klagen über lange Wartezeiten und überfüllte Notaufnahmen.

Auf Einladung der SPD haben Diana Fortmann, Geschäftsführerin am Schaumburger Agaplesion Klinikum, und der Bückeburger Hausarzt Andreas Streller die aktuelle Situation aus fachmännischer Sicht dargelegt. Eine Erkenntnis: Statistisch stehen wir in Schaumburg gut da, der Bedarf ist weitestgehend gedeckt. Der gefühlte Bedarf ist jedoch oft ein anderer. Vor allen Dingen die Notaufnahme im Agaplesion kommt an ihre Belastungsgrenze.

Unter der Prämisse „Heimat braucht Ärzte“ widmeten sich die beiden Fachleute dem gefühlten und realen Ärztemangel. Fortmann offerierte hier den rund 25 Gästen einen tiefgehenden Einblick in die Arbeit des Schaumburger Klinikums und stellte positive Entwicklungen, aber auch anhaltende Herausforderungen heraus: „Es ist noch nicht alles gut im Klinikum, aber wir arbeiten dran – mit offenem Visier und den nicht immer besten Rahmenbedingungen“.

Auf Einladung der Bückeburger SPD sprachen Diana Fortmann und Andreas Streller über die Gesundheitsversorgung in Schaumburg.

Das Schaumburger Klinikum als Klinik der Schwerpunktversorgung mit 437 Planbetten und 15 Fachabteilungen unter einem Dach ist 2018 mit dem Betrieb gestartet, neue Abteilungen wie die Urologie, die vorher gar nicht im Landkreis existierten, wurden etabliert. Insgesamt arbeiten inzwischen 1100 Menschen am Klinikum, an dem die Agaplesion gAG 60 Prozent Anteile hält, weitere 30 Prozent gehören der Stiftung Bethel in Bückeburg und zehn Prozent dem Landkreis Schaumburg. „Um den Standort zu stabilisieren, müssen wir wirtschaftlich arbeiten“, konstatiert die Geschäftsführerin. Über Zertifizierungen sollen Prozesse verzahnt und die Patientenversorgung langfristig verbessert werden.

Diana Fortmann, Geschäftsführerin am Agaplesion Klinikum Schaumburg, berichtet über anhaltende Herausforderungen im Klinikalltag.

Nach anfänglichen Startschwierigkeiten habe sich auch die Weiterempfehlungsquote gesteigert – so haben im Jahr 2018 nur rund 60 Prozent nach einem Klinikaufenthalt gesagt, dass sie das Klinikum weiterempfehlen würden. 2024 ist diese Zahl mit 96 Prozent zufriedenstellend. 20.500 Patienten wurden 2024 stationär behandelt, weitere 35.8000 ambulant. 8300 stationäre und 3300 ambulante Operationen wurden durchgeführt. Die Zentrale Notaufnahme (ZNA) hat 35.700 Kontakte verzeichnet – eine Zahl weit über der Planzahl von 25.000 Kontakten, die seinerzeit bei Bau des Klinikums anvisiert wurde. Auch in diesem Jahr ist in der ZNA eine Fallzahlseigerung von rund vier Prozent zu beobachten.

Und erstmals konnte das Klinikum auch schwarze Zahlen schreiben, doch Fortmann dämpft die Freude: „Der Schein trügt etwas, denn in diesem Ergebnis stecken rund 2,7 Millionen Euro Förderung vom Landkreis – ohne diese Summe wäre auch unser Ergebnis negativ. Dennoch soll auch weiterhin in Innovationen und Weiterentwicklung investiert werden, etwa in einen DaVinci-Roborter. „Wir sind auf dem richtigen Weg, haben aber einen schweren Rucksack auf den Schultern“, konstatiert Fortmann.

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Mit dem Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz und weiteren Reformen folgten neue Herausforderungen, so musste auch das Klinikum insgesamt 16 Leistungsgruppen neu beantragen – ohne Genehmigung darf hier keine Abrechnung erfolgen. Ein enormer bürokratischer Aufwand mit unsicherem Ausgang, zudem sich das Verfahren noch einmal zeitlich verschiebt und eine eventuelle neue Beantragung könnte folgen. Noch schlimmer wäre, wenn das Land Niedersachsen einige der Leistungsgruppen nicht genehmigen würde – die Fristen sind hier so eng gesetzt, dass das Klinikum binnen zwei Monaten in diesem Fall ganze Strukturen umstellen müsste. „Es sind enorme Stundenzahlen für die Administration notwendig – diese fehlen wiederum in der Patientenversorgung“, stellt Fortmann fest. „Wir stehen dahinter, die Versorgung zu verbessern, doch der Weg dorthin ist hart“.

Rund 74 Prozent der Notfallüberweisungen haben ambulantes Behandlungspotential, erklärt Fortmann.

Noch düsterer sieht es bei der Reform der Notfallversorgung aus: „Nichts ist geregelt“, stellt die Fachfrau fest. Ziel ist die enge Verzahnung von Akutleitstellen mit den Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten. In Schaumburg gibt es nur eine ZNA, Patienten, die dorthin kommen, werden direkt triagiert (nach Behandlungsbedarf in Kategorien eingeteilt). Erhebungen haben ergeben, dass rund 74 Prozent der Einweisungen eigentlich Potential für eine ambulante Behandlung haben – jedoch hat die kassenärztliche Vereinigung ihren Fahrdienst verkleinert und so werden Rettungsdienste und Notaufnahmen höher frequentiert. Das führt zu überfüllten ZNAs und längeren Wartezeiten, über die sich Patienten immer wieder beschweren. Aber, entgegen den Sorgen aus der Zuhörerschaft Fortmanns: Niemand wird ungesehen nach Hause geschickt, erst recht nicht, wenn jemand ernsthaft verletzt oder erkrankt ist.

Doch wie dieser Probleme Herr werden? Fortmann sieht hier den Gesetzgeber in der Pflicht: Handlungs- und Planungssicherheit für das Klinikum ist hier unerlässlich. Im Leistungsgruppen-Antragsverfahren müsse nachgebessert werden, Vorgaben sollten sich an Praxistauglichkeit orientieren, die flächendeckende Gesundheitsversorgung sicherzustellen, sollte der vorrangige Arbeitsauftrag der Bundesregierung sein.

(Text & Foto: nh)

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