(Bückeburg) Wie steht es um die ärztliche Versorgung in Schaumburg?
Viele Menschen klagen über lange Wartezeiten für Facharzttermine und Hausärzte, die keine Patienten mehr aufnehmen können.
Auf Einladung der SPD haben Diana Fortmann, Geschäftsführerin am Schaumburger Agaplesion Klinikum, und der Bückeburger Hausarzt Andreas Streller die aktuelle Situation aus fachmännischer Sicht dargelegt. Eine Erkenntnis: Statistisch stehen wir in Schaumburg gut da, doch rechnerischer Bedarf und reelle Bedürfnisse liegen oft weit auseinander.
Seit nunmehr 32 Jahren arbeitet Dr. Andreas Streller als niedergelassener Hausarzt in Bückeburg – als er seinerzeit mit seiner Praxis anfing, sprachen in diesem Land die Politiker noch von einer „Ärzteschwemme“. Die Folge: Druck der Krankenkassen und eine Ärzte-Bedarfsplanung, die auch heute noch Bestand hat. Dieser Bedarfsplanung liegt die Kopf-Verhältniszahl für die ärztliche Versorgung zugrunde – auch im Landkreis Schaumburg. Dabei weisen Fachärzte eine größere Gebietseinteilung auf – sprich: sie haben ein größeres Einzugsgebiet.

Schaumburg ist in vier Bereiche aufgeteilt: Bückeburg samt Eilsen, Nenndorf, Rinteln und Stadthagen als sehr großer Bereich inklusive Obernkirchen, Seggebruch, Wiedensahl und weitere Ortschaften. Die Bedarfsplanung legt fest, wie viele Ärzte sich wo niederlassen dürfen – in Bückeburg sind von 17,5 Versorgungsstellen 1,5 Vollzeit-Arztstellen unbesetzt, Nenndorf ist mit 25 Hausärzten voll besetzt, in Rinteln sind 2,0 Stellen frei, Stadthagen fehlt zu einer Vollversorgung mit 49,25 potentiellen Vollzeitstellen 1,5 Ärzte. In Schaumburg fehlen also summa summarum fünf Vollzeit-Arztstellen – in ganz Niedersachsen würden etwa 550 niedergelassene Hausärzte fehlen. Entsprechende Konzepte sollen die Situation langfristig verbessern.
In ganz Niedersachsen fehlen rund 550 niedergelassene Hausärzte
Die Facharztdichte ist laut Bedarfsplanung niedriger, Augenärzte und Gynäkologen seien in Schaumburg etwa vollbesetzt, bei den Dermatologen wiederum fehlen 1,5 Ärzte. Aus den Zahlen zieht Streller ein ernüchterndes Fazit: „Wir verwalten einen Mangel – mal gucken, wie lange wir damit zurechtkommen“. Die Bedarfsplanung sei bereits 32 Jahre alt, die Bevölkerung und ihre Bedürfnisse hätten sich jedoch gewandelt. Doch das sei nicht das einzige Problem: „Wenn wir mehr Bedarfsstellen haben, müssen wir diese auch besetzen“.
Viele Hausärzte – die in einer Praxis im Schnitt auf 100 Patientenkontakte pro Tag kommen – bevorzugen heute Teilzeitmodelle oder wollen nur als Angestellte arbeiten – die Stelle als selbstständiger, niedergelassener Arzt wird immer unattraktiver. Daher sei die Nachwuchsgewinnung umso wichtiger: „Noch leben wir hier in einem Land der Glückseligen mit unserer Ärzteversorgung“.

„Ärztetechnisch leben wir in Schaumburg noch im Land der Glückseligen“
Doch: Die Ausbildung dauert lang, hohe Numerus-Clausus-Grenzen limitieren die Zahl der Studienanfänger. Die Landarztquote sei zwar begrüßenswert, aber schaffe an sich keinen Arzt oder Studienplatz zusätzlich. Was also tun? „Der Nachwuchs und die ärztlichen Kollegen sollen die Bedingungen vorfinden, die sie brauchen, eine Niederlassung muss wieder attraktiver werden“, so Streller. Hier hilft unter anderem der Fahrdienst der Kassenärztlichen Vereinigung, der für Entlastung der niedergelassenen Ärzte sorgt. Auch das Klinikum trägt maßgeblich zu einer besseren Ärzteausbildung in der Region bei – Ärzte, die hier ausgebildet werden, finden gute Strukturen vor, könne sich weiterbilden, in verschiedene Bereiche reinschnuppern und werden öfter hier in der Region sesshaft. Auch die Verbundsweiterbildung klappe gut. „Wir versuchen uns in Schaumburg über verschiedene Kanäle darzustellen, uns zu vernetzen und die Region als attraktiven Behandlungsort herauszustellen“, erklärt Streller.
Schaumburg ist zudem Pilotregion für regionale Versorgungszentren, die Alte Molkerei im Auetal fungiert als „RVZ“. Doch auch hier wird zum Ende des Jahres eine Nachfolge gesucht. Weiterhelfen, die ärztliche Versorgung hochzuhalten, können die Medizinischen Versorgungszentren (MVZ). Hier könne sich Ärzte anstellen lassen, die hausärztliche Versorgung findet hier in Zusammenarbeit mit Fachärzten statt. Es gibt hier aber auch Nachteile: Die Behandlung ist unpersönlicher, es entstehen große Strukturen, die sehr investitionsintensiv sind, „aber sie helfen, drohende Versorgungsdefizite auszugleichen“.
Bückeburg kommt in der ärztlichen Versorgung noch eine gesonderte Rolle zu: Der Behandlungsbezirk dient als Pilotregion für die sogenannte Delegation: Qualifizierte Mitarbeiter können sich 1,5 Jahre lang zu Versorgungsassistenten ausbilden lassen und anschließend als „Arzt light“ unterstützend wirken, etwa bei Hausbesuchen und der Wundversorgung. Somit werden die niedergelassenen Ärzte und der ärztliche Bereitschaftsdienst weiter entlastet – diese müssen jedoch auch finanziell für diese Dienste aufkommen.
Was Streller weiter Sorge bereitet: Die Fortführung der Krankenhaus-Reform. Die langwierigen Anerkennungsverfahren für Ärzte aus dem Ausland. Die Apothekenreform. „Quo vadis“, fragt der Mediziner zum Abschluss in die Runde. „Viele Ärzte gehen in den Ruhestand, die jungen haben andere Bedürfnisse. Für einen ausscheidenden Arzt brauchen wir 1,4 Nachfolger. Die Bedarfsplanung muss angepasst werden, um den Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Auch mehr Pflegekräfte sind notwendig. Das alles muss bezahlt werden – höhere Kosten für die Ärzteversorgung sind somit zu erwarten“.
(Text & Fotos: nh)




